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In Nordrhein-Westfalen

Ermittler decken schweren Kindesmissbrauch auf

Aktualisiert 08.06.2020 - 11:46 Uhr

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Die Polizei in Nordrhein-Westfalen stellt massenhaft kinderpornografisches Material sicher. Was sie entdeckt haben, entsetzt die Ermittler. Es wird auch bekannt: Eine VerdÀchtige soll bis zu ihrer Festnahme als Erzieherin gearbeitet haben.

Ermittler decken schweren Kindesmissbrauch auf

Ein Polizeibeamter steht vor der Gartenlaube in MĂŒnster, wo der vermutliche HaupttĂ€ter Teile seiner Server-Anlage unterbrachte. Foto: Guido Kirchner/dpa

Mehrere Personen festgenommen

MĂŒnster (dpa) – Die schockierenden Taten haben die Ermittler fassungslos zurĂŒckgelassen, die von den VerdĂ€chtigen benutzte hochprofessionelle Technik brachte die Polizei an ihre Grenzen.

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In Nordrhein-Westfalen haben die Behörden ein PĂ€dophilen-Netz entdeckt und bundesweit elf VerdĂ€chtige festgenommen. Sieben der Beschuldigten befinden sich in Untersuchungshaft. Darunter ist auch die Mutter des Hauptbeschuldigten, die als Erzieherin in einem Kindergarten gearbeitet hat. Ihre Gartenlaube in MĂŒnster gilt als Haupttatort.

Bisher sind drei Kinder als Opfer identifiziert worden. Die Jungen sind nach Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft von Samstag fĂŒnf, zehn und zwölf Jahre alt. Sie sollen teilweise stundenlang von mehreren MĂ€nnern sexuell missbraucht worden sein – in einem Fall vom eigenen Vater, in einem anderem vom LebensgefĂ€hrten der Mutter.

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500 Terabyte Videomaterial gefunden

Der Hauptbeschuldigte ist ein 27-jĂ€hriger IT-Techniker aus MĂŒnster. Ermittler fanden hochprofessionelle technische Ausstattung zur Videoaufzeichnung. Sie stellten mehr als 500 Terabyte versiert verschlĂŒsselten Materials sicher. Nach der Auswertung der ersten Daten gehen Polizei und Staatsanwaltschaft davon aus, dass bislang nur ein kleiner Teil der mutmaßlichen Verbrechen bekannt geworden ist. Viele der Daten mĂŒssen noch entschlĂŒsselt werden. Um die Dimensionen zu verdeutlichen: HandelsĂŒbliche Computer fĂŒr den Heimgebrauch haben Speicherplatten mit einer GrĂ¶ĂŸe von 1 bis 3 Terabyte.

Mutter des VerdÀchtigen arbeitet als Erzieherin

Am Sonntag wurde außerdem bekannt: Die Mutter des VerdĂ€chtigen soll bis zu ihrer Festnahme als Erzieherin gearbeitet haben. «Die Leitung der Kita wurde von uns informiert», sagte Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Derzeit gebe es aber keine Hinweise auf Taten der 45-JĂ€hrigen im Kindergarten. Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) hatte zuvor ĂŒber den Arbeitsplatz der Frau berichtet.

Kriminalbeamte an der Grenze des menschlich ErtrÀglichen 

Das bisherige Ermittlungsergebnis nach rund dreieinhalb Wochen sei wohl nur die Spitze des Eisbergs, sagten am Samstag ĂŒbereinstimmend der Leiter der Ermittlungen, Joachim Poll, und Oberstaatsanwalt Botzenhardt. Die Ermittler hĂ€tten «unfassbare» Bilder sehen mĂŒssen, so Poll. MĂŒnsters PolizeiprĂ€sident Rainer Furth sagte: «Selbst die erfahrensten Kriminalbeamten sind an die Grenzen des menschlich ErtrĂ€glichen gestoßen und weit darĂŒber hinaus.»

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Gartenlaube in MĂŒnster ist Tatort fĂŒr schweren Kindesmissbrauch

In der Gartenlaube in MĂŒnster sollen vier MĂ€nner stundenlang wechselweise den fĂŒnf- und den zehnjĂ€hrigen Jungen vergewaltigt und die Taten teilweise gefilmt haben. Der 27-jĂ€hrige HauptverdĂ€chtige soll dazu den MĂ€nnern den zehnjĂ€hrigen Sohn seiner LebensgefĂ€hrtin ĂŒberlassen haben. Das zweite Opfer war den Angaben zufolge der Sohn eines 30 Jahre alten Beschuldigten aus Staufenberg (Hessen). Die Kinder sollen vor den Taten betĂ€ubt worden sein. Bilder und Videos der Taten bot der HauptverdĂ€chtige im Darknet an.

Insgesamt fĂŒnf MĂ€nner und eine Frau festgenommen

Bei den weiteren Beschuldigten, gegen die Haftbefehl erlassen wurde, handelt es sich den Angaben zufolge um MĂ€nner aus Hannover (35 Jahre alt), Schorfheide in Brandenburg (42), Kassel (43) und Köln (41) sowie um die 45 Jahre alte Mutter des HauptverdĂ€chtigen. Sie soll ihrem Sohn die SchlĂŒssel fĂŒr die Gartenlaube ĂŒberlassen und den sexuellen Missbrauch der Kinder in Kauf genommen haben.

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Politik warnt vor Unachtsamkeit in MissbrauchsfÀllen 

Der Missbrauchsfall löste eine Welle der BestĂŒrzung aus. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) sagte der dpa: «Es ist wichtig, dass wir als Gesellschaft noch wachsamer sind, um frĂŒhzeitig Missbrauch erkennen und wirksam dagegen vorgehen zu können.» Zum Schutz von Kindern brauche es «ein aufmerksames Umfeld, das hinschaut und Hilfe organisiert». «Wir mĂŒssen davon ausgehen, dass in jeder Schulklasse ein bis zwei Kinder betroffen sind. Das können wir nicht akzeptieren.»

Der Bundesbeauftragte fĂŒr Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, meinte, die Frage sei, «ob wichtige Hinweise möglicherweise ĂŒbersehen wurden und zum Beispiel deshalb der sexuelle Missbrauch nicht frĂŒher aufgedeckt wurde». Rörig schrĂ€nkte gegenĂŒber der dpa aber ein, dass es fĂŒr die zumeist sehr engagierten BeschĂ€ftigen der JugendĂ€mter generell sehr viel schwerer sei, sexuellen Missbrauch von Kindern zu erkennen als zum Beispiel körperliche Misshandlungen oder VernachlĂ€ssigung. «Oft fehlen fĂŒr sexuelle Gewalt erkennbare Indizien. (…) MissbrauchstĂ€ter sind Meister der TĂ€uschung. Ihre perfiden Strategien sind voll darauf ausgerichtet, ihr Umfeld zu verwirren, um unentdeckt zu bleiben», sagte Rörig.

Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) sagte der dpa: «Diese furchtbaren MissbrauchsfĂ€lle von MĂŒnster erschĂŒttern mich zutiefst.» Sie zeigten ein weiteres Mal, «wie widerwĂ€rtig menschliche AbgrĂŒnde sein können». MĂŒnsters OberbĂŒrgermeister Markus Lewe reagierte ebenfalls bestĂŒrzt. «Ich bin erschrocken, dass unsere Stadt offenbar Schauplatz solch schrecklicher Taten war», teilte der CDU-Politiker mit.

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Wurden mögliche Hinweise nicht frĂŒhzeitig erkannt?

Unterdessen wurde bekannt, dass das Jugendamt der Stadt MĂŒnster Kontakt zu der Familie von einem der Opfer hatte. Die Familie sei den Behörden aus den Jahren 2015 bis 2016 bekannt, «weil der soziale Kindsvater wegen des Besitzes und des Vertriebs pornografischer Daten aufgefallen war», teilte die Stadt am Samstag mit. In dieser Zeit habe das Jugendamt Kontakt zu der Familie gehabt. 2015 habe das Familiengericht keinen Anlass gesehen, das Kind aus der elterlichen Verantwortung zu nehmen.

Polizei braucht bessere technische Ausstattung

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter forderte nach Bekanntwerden des Missbrauchsfalls eine deutlich verbesserte personelle und technische Ausstattung bei der Polizei. «In einem solchen Fall stellen wir beim Blick in die kriminalpolizeiliche Praxis fest, dass wir ĂŒber unsere Grenzen hinaus kommen», sagte Sebastian Fiedler im WDR-Fernsehen. Er lobte, dass Innenminister Reul das Thema Kindesmissbrauch zur Chefsache erklĂ€rt habe. «Es reicht aber nicht aus, mit kleinen Schritten voranzugehen was die Ausstattung und was die Qualifikation angeht.» Jetzt seien riesengroße Schritte notwendig. Ein Plus an Experten wie IT-Techniker fĂŒr VerschlĂŒsselungstechnik oder Leute, die sich mit Opferanhörung auskennen, sei notwendig.

Mehrere FĂ€lle in NRW in den vergangenen Jahren

In Nordrhein-Westfalen sind in den zurĂŒckliegenden Jahren mehrmals schwere FĂ€lle von sexuellem Missbrauch von Kindern entdeckt worden. Zuerst Ende 2018 der Fall LĂŒgde, bei dem mehrere MĂ€nner auf einem Campingplatz an der Landesgrenze zu Niedersachsen ĂŒber 30 Kinder jahrelang vergewaltigt und die Bilder zum Teil ĂŒber das Internet angeboten hatten.

Seit Monaten ermitteln Beamte unter FederfĂŒhrung der Kölner Polizei zudem in einem bundesweiten Missbrauchskomplex, der in Bergisch Gladbach seinen Anfang nahm. Dort hatten Ermittler im Oktober die Wohnung eines 42-JĂ€hrigen durchsucht und riesige Mengen kinderpornografischen Materials gefunden. Spezialisten sind bis heute mit der Auswertung beschĂ€ftigt.

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