20 Jahre danach
Eine Erinnerung an Helden und Opfer: New York 20 Jahre nach 9/11
Stand 08.09.21 - 13:20 Uhr
0
Am 11. September 2001 wurde die ganze Welt in Angst und Schrecken versetzt, islamistische Terrorattentäter zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Centers in New York und eins ins Pentagon steuerten. Genau heute liegen die Anschläge 20 Jahre zurück. Was aus einigen Opfern und Helden geworden ist, und wie New York einen Ort der Erinnerung geschaffen hat, erfährst du hier.
Foto: Eric Draper/Handout/White House/C
New York nach 20 Jahren zwischen Bewältigung und Neuanfang
New York (dpa) — Auch wenn der 89-Jährige, mittlerweile pensionierte Feuerwehrmann, Bob Beckwith langsam etwas vergesslich wird, kann er sich noch ganz genau an den Moment vor 20 Jahren, als er Arm in Arm mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten vor der Weltöffentlichkeit stand. Es waren die Tage nach den Anschlägen vom 11. September 2001 und Beckwith grub mit Hunderten Helfern in den Trümmern des World Trade Center nach Leben. Dann besuchte George W. Bush Ground Zero.
- Anzeige -Ein ehemaliger Feuerwehrmann erzählt seine Geschichte
«Wir hatten keine Ahnung, dass der Präsident kommt. Und falls wir es wussten, hatten wir es vergessen», erzählt Beckwith, der tagelang unermüdlich nach dem vermissten Sohn eines Freundes suchte. Er stand gerade auf einem zerstörten Feuerwehrwagen, als Bush auftauchte. «Und er kommt geradewegs auf mich zu, und er streckt den Arm aus, und ich ziehe ihn hoch». Die Bilder die folgen – Bush mit Megafon und dem Arm um Beckwith – gehen als Symbol amerikanischen Durchhaltewillens um die Welt. 20 Jahre später ist der Feuerwehrmann noch immer eines der Gesichter der Anschläge des 11. September, Held und Opfer zugleich.
Das Schlimmste in seinem Leben
Die Tage im Jahr 2001 gehörten zu den schlimmsten seines Lebens, sagt Beckwith. Er war schon längst pensioniert, doch als das World Trade Center auch über Hunderten Feuerwehrleuten zusammenstürzte, entschied er sich, seinen Kameraden zu helfen. «Ich kannte einige von diesen Jungs», meint er. «Vor vielen Jahren habe ich mit ihren Vätern zusammengearbeitet.»
In Beckwiths Haus, eineinhalb Stunden östlich von Manhattan, wo Long Island von schmucklosen Arbeitervierteln dominiert wird, hängt heute die US-Flagge, die Bush damals hielt. Seine Frau hat sie zusammen mit dem Cover des «Time Magazine» von der Szene Rahmen lassen.
- Anzeige -Gedenkstätte Ground Zero
Zwei Jahrzehnte, nachdem Beckwith mit seiner Schaufel in dem Trümmerfeld grub, erfüllt heute das Geräusch plätschernden Wassers den ehemaligen Ground Zero. Nach dem Willen seines Erbauers soll sich das Rauschen mit dem eigenen Herzschlag vermischen und so der fast 3000 Opfer des schwersten Terrorakts der Geschichte des Landes gedenken. Die quadratischen Brunnen, gesäumt von Bäumen, symbolisieren die früheren Grundrisse des World Trade Center, an ihrem Rand sind die Namen der Opfer graviert.
«Nichts darf dort jemals wieder gebaut werden», dachte Stararchitekt Daniel Libeskind, als er wenige Wochen nach den Anschlägen im Regen zum felsigen Fundament der Türme hinabstieg. «Es war eine unheimliche, unheimliche Leere. Wenn du unten in der Grube bist und zurück auf die Straßen von New York schaust, sehen die Leute aus wie kleine Ameisen», erzählt er. Die Vision des Architekten, einen Ort der Erinnerung zu schaffen und das neue Hochhaus an den nördlichen Rand des Areals zu verbannen, wurde schließlich Wirklichkeit.
Ein Ort der Leere
Wer heute an diesen Ort hinuntergeht, in die riesige Betonwanne des ehemaligen World Trade Centers, befindet sich in dem Museum, das Libeskind entworfen hat. Durch einen Raum hallen die aufgezeichneten Stimmen von Überlebenden. Sie erzählen von ihrer Flucht aus den Türmen. Einige Schritte weiter sprechen Angehörige die Namen ihrer ermordeten Freunde, Partner oder Kinder aus. Und auch ein Feuerwehrhelm mit der Nummer 164 ist ausgestellt – er gehört Bob Beckwith.
Die Bilder aus New York, für so viele die inoffizielle Hauptstadt der Welt, blieben im Gedächtnis. Doch die Trümmerhaufen des amerikanischen Schicksalstages türmten sich damals ebenso im Pentagon in Washington, in das eines der Flugzeuge hineinpflügte und einen Teil des US-Verteidigungsministeriums zum Einsturz brachte. Und auch auf einem Feld im Bundesstaat Pennsylvania, wo die vierte gekaperte Maschine durch das Eingreifen mutiger Passagiere abstürzte – an der Stelle steht heute ebenfalls eine Gedenkstätte.
- Anzeige -Opfer und verlorene Identitäten: «Dust Lady» und «Falling Man»
Unvergessen sind auch die Opfer, deren Bilder weltweite Erschütterung auslösten. So zum Beispiel die komplett mit Staub eingedeckte «Dust Lady» Marcy Borders, die nach dem 11. September zehn Jahre lang nicht arbeiten konnte. 2015 schließlich starb sie mit 42 Jahren an Krebs. Oder «The Falling Man», ein an der Fassade des Wolkenkratzers kopfüber hinunterstürzender Mann, an dessen verstörendem Foto sich auch viele Künstler abarbeiteten.
Es wurde nie zweifelsfrei geklärt, wer der «Falling Man» war. Und auch die Identität von vielen weiteren Toten bleibt ungeklärt – die Deutsche Mechthild Prinz arbeitete genau daran. Die heute 63-Jährige aus dem Rhein-Sieg-Kreis kam in den 90er Jahren für einen Forschungsaufenthalt nach New York und blieb. Als Gerichtsmedizinerin für die Metropole meldete sie sich am 11. September 2001 direkt für die Nachtschicht.
«Dieser Zusammenbruch, der hat ja alles pulverisiert – Schreibtische, Computer. Da waren viele Leichen natürlich auch fragmentiert», erinnert sie sich. Auf der letzten Vermisstenliste der Anschläge in New York stehen 2753 Menschen. In der Gerichtsmedizin und bei Prinz in der forensischen Biologie wurden in den Tagen und Wochen danach 289 intakte Leichen und fast 22.000 Leichenteile angeliefert.
Die Vorgabe: Alles, was aussieht wie menschliches Gewebe und größer ist als ein halber Daumen, muss getestet werden. Die Ergebnisse werden abgeglichen mit Informationen und Materialien, die die Familien der Vermissten abgegeben haben. Die Arbeit ist damals noch nicht digitalisiert, DNA-Proben gehören nicht zur Routine. «Das war rund um die Uhr, Tag und Nacht», erinnert sich Prinz. «Ich glaube, ich war zwei Tage zu Hause bis Dezember.»
Mühsamer Prozess
Die Arbeit dauert noch immer an. Erst 60 Prozent der Opfer sind inzwischen identifiziert. Mit immer neuen Technologien und Methoden wird an den verbleibenden Überresten gearbeitet, ein mühsamer und langwieriger Prozess. «Manche Proben sind nicht identifiziert, weil keine Familie etwas abgegeben hat, und manche Opfer sind nicht identifiziert, weil nichts von ihnen gefunden wurde», sagt Prinz, die inzwischen an die Fakultät für forensische Wissenschaften des John Jay College in Manhattan gewechselt ist.
Prinz glaubt nicht, dass jemals die Identität aller Opfer festgestellt werden kann. «Und ich glaube, dass manche von den Leichen leider spurlos verschwunden sind durch den Zusammensturz und die Feuer.» Trotzdem sei es wichtig, weiterzumachen – «weil es den Opferfamilien versprochen worden ist».
- Anzeige -Neuanfang ermutigt beim Kampf gegen die Folgen
Was bleibt ist eine Tragödie, deren Aufarbeitung selbst nach 20 Jahren nicht abgeschlossen ist. Und auch Daniel Libeskind merkt an, dass der neue Komplex des World Trade Center nicht ganz fertig ist: Ein Hochhaus befinde sich noch im Bau. Ein Bild, das auch Mut macht: New York als Stadt, die nicht nur wieder aufgestanden ist, sondern weiter wächst.
Doch während New York trotz Corona-Rückschlägen wieder blüht, zahlten viele der Helden vom 11. September, die tagelang vielen Giftstoffen ausgesetzt waren, einen hohen Preis. Bob Beckwith muss in einigen Tagen wieder in die Klinik: «Ich werde zum vierten Mal im Krankenhaus operiert, wegen bösartiger Melanome in meinem Gesicht», erzählt er. Er nennt es den «Krebs des 11. September».
Bleib immer bestens informiert!
Mit unserem kostenlosen 95.5 Charivari-Newsletter verpasst du keine Highlights mehr. Von Top-Konzerten über exklusive Gewinnspiele bis hin zu Einblicken in Larissa Lannert live - wir liefern dir wöchentlich alles Wichtige direkt in dein Postfach.
Mehr Beiträge und Themen
Grün, rot, gelb: Im Münchner Rathaus gibt es künftig eine Ampel-Koalition – oder eine Mango?
Der Bundesrat stimmte dem vom Bundestag bereits beschlossenen Gesetzentwurf überraschend nicht zu.
Ab dem 9. Mai kannst Du spontan ein Last Minute Ticket bei der Deutschen Bahn buchen und damit neue Ecken in Deutschland erkunden.
Der Frühling ist da - und mit den kostenlosen Radl-Checks vom Mobilitätsreferat kannst Du auch dein Fahrrad frühlingsfit machen.
Wir haben für dich die schönsten Dachterrassen Münchens getestet. Wo du leckere Drinks, bei einer unglaublichen Aussicht das schöne Wetter genießen kannst, erfährst du hier.
Die Beerensaison geht langsam wieder los - und die ersten Beerencafés öffnen jetzt auch! Hier kannst du entspannt deine eigenen Beeren pflücken.
Am 4. Mai startet die BladeNight in eine neue Saison in München - ab dann bis Anfang September kannst du jeden Montag mit anderen passionierten Rollschuhfahrern durch die Stadt düsen.
Im vergangenen Jahr schrammte das Münchner Oktoberfest womöglich nur knapp an einer Katastrophe vorbei. Damit das nicht nochmal passiert, setzt die Stadt heuer auch auf Musik.
Ab 23. Mai 2026 bringt dich der Münchner BergBus an Wochenenden und Feiertagen ganz entspannt zu traumhaften Wanderzielen – zum MVV-Tarif oder mit Deutschlandticket. Alle Infos hier.
Auf der Münchner Stammstrecke kommt es wegen Bauarbeiten zu Sperrungen und Haltausfällen im Mai. Alle Infos.
DESK
Die Europäische Union hat große Pläne, um Bahnreisen attraktiver und einfacher zu gestalten. Hier ist alles, was du über die geplante Bahn-Offensive wissen musst.
Nach 2022 und 2024 steht auch 2026 wieder ein NFL-Spiel in der Münchner Allianz Arena an. Alle wichtigen Infos gibt es hier.
Die Musik- und Tanzdemo "Krachparade" will auf die Subkultur der Stadt aufmerksam machen und fordert zudem mehr kulturelle Freiräume. Alle wichtigen Infos gibt es hier.
Die Verbraucherzentrale Sachsen klagt gegen den Streaminganbieter Amazon Prime Video wegen Erhöhung der Kosten und zusätzlicher Werbung.
Eine bessere Anbindung zum Münchner Flughafen wird schon länger gefordert. Jetzt gibt es einen Lichtblick am Ende des Tunnels: Eine neue ICE-Verbindung soll mehrere Städte verbinden und Gäste schneller zum Flughafen bringen.
Schampusduschen verboten, Blasmusik schon eine Stunde früher und -mal wieder - Streit um die Zeltvergabe: Noch ist nicht mal Sommer, da zurrt München die Planung für die Wiesn im Herbst fest.
Eine bekannte Größe wird Deutschland beim diesjährigen ESC in Wien vertreten - Sarah Engels hat es mit ihrem Song "Fire" zum Contest geschafft.