Verliebtsein
Wie Liebe unser Gehirn auf den Kopf stellt
Stand 07.02.24 - 08:58 Uhr
Auf einmal zählt nur noch der Partner. Warum lassen wir alles links liegen, wenn wir verliebt sind? Forscher ergründen, auf welchen Wegen Verliebtsein unser Gehirn komplett auf den Kopf stellt.
©dpa
Wie funktioniert Liebe?
Berlin (dpa) – Wenn wir frisch verliebt sind, dreht sich alles nur noch um die eine wichtige Person in unserem Leben. Warum wir uns so verhalten, versuchen Forschungsteams seit Jahrzehnten zu ergründen. Anteil hat einer Analyse australischer Wissenschaftler zufolge ein durch positive Anreize angeregter Mechanismus, der bestimmte Verhaltensweisen aktiviert.
- Anzeige -Liebe macht sprichwörtlich blind. Insbesondere frisch Verliebte neigen dazu, den geliebten Menschen auf ein Podest zu stellen: Er wird idealisiert, alle Gedanken kreisen um ihn, man möchte ihm körperlich nah sein und seine Wünsche und Bedürfnisse erfüllen. Alles andere bleibt dabei oftmals auf der Strecke.
Das passiert im Gehirn
Das überschäumende anfängliche Verliebtsein ist mit neuronaler Aktivität in Hirnbereichen verbunden, die etwa bei Belohnung und Motivation, Emotionen sowie sexuellem Verlangen und Erregung involviert sind. Bekannt ist, dass bestimmte Hirnareale, die bei romantischer Liebe eine Rolle spielen, sich mit dem sogenannten Annäherungssystem oder auch Verhaltensaktivierungssystem, kurz BAS (Behavioral Activation System), überschneiden.
Das BAS bewirkt, dass wir positive Reize verstärkt wahrnehmen, uns mehr für sie interessieren, neugieriger sind und selbstbewusster handeln, wie das Forscherduo im Fachjournal «Behavioural Sciences» erläutert. Dabei unterscheidet sich die BAS-Sensitivität und damit die Stärke der Reaktion auf positive Anreize bei einzelnen Menschen.
Kann eine geliebte Person so ein positiver Reiz sein, der das typische Verhalten von Verliebten mit auslöst? «Menschen, die romantische Liebe erleben, zeigen eine Reihe von Kognitionen, Emotionen und Verhaltensweisen, die auf eine gesteigerte BAS-Aktivität hindeuten», heißt es in der Studie von Adam Bode von der Australien National University in Canberra und Phillip Kavanagh von der University of Canberra. Sie untersuchten den möglichen Zusammenhang zwischen BAS und romantischer Liebe nun genauer.
- Anzeige -«Verliebtes Gehirn ist besonderem neurochemischen Cocktail ausgesetzt»
Die Forscher erfragten bei 1556 jungen Erwachsenen, die sich selbst als «verliebt» bezeichneten, was sie für ihren Partner bereit wären zu tun und welche Gefühle ihr Partner bei ihnen hervorruft. Den Ergebnissen zufolge gibt es tatsächlich ein Zusammenhang zwischen BAS und Verliebtsein, es reagiert auf Reize in Bezug auf die geliebte Person. Mit ihrer neu entwickelten Methode konnten die Forscher sogar erfassen, wie stark das Annäherungssystem jeweils auf den geliebten Menschen reagiert.
«Dass wir geliebten Menschen eine besondere Bedeutung zukommen lassen, liegt am Zusammenspiel der Hormone Oxytocin und Dopamin, die unser Gehirn freisetzt, wenn wir verliebt sind», erläuterte Kavanagh. «Im BAS sorgen diese Hormone dafür, dass soziale Reize – wie etwa der oder die Geliebte – stärker wahrgenommen werden. Im Wesentlichen aktiviert Liebe also Mechanismen im Gehirn, die mit positiven Gefühlen verbunden sind.»
«Ein heftig verliebtes Gehirn ist einem besonderen neurochemischen Cocktail ausgesetzt. Der Zustand ist ein wenig wie unter Drogeneinwirkung», erklärte Christian Weiss, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, der selbst nicht an der Studie beteiligt war. «Diese Veränderung im Botenstoff- und Hormonhaushalt kann auch mit risikobereiterem Verhalten einhergehen. Die berühmte rosarote Brille, durch die verliebte Menschen die Welt sehen, lässt sie potenzielle Risiken eher ausblenden und Handlungen ausführen, die jenseits einer „vernünftigen“ Kosten-/Nutzenrechnung liegen.»
Das bestätigt auch Paartherapeut Eric Hegmann, der seit Jahren Studien zum Thema romantische Liebe begleitet: «Aus der Hirnforschung wissen wir, dass das Belohnungssystem von Liebenden vergleichbare Reaktionen zeigt wie beim Konsum. Ebenso kann Liebeskummer vergleichbare Entzugserscheinungen hervorrufen.»
Parallelen mit einer Zwangsstörung
Verliebtsein lässt sich nicht nur mit der Wirkung von Drogen vergleichen, sondern weist sogar Parallelen mit einer Zwangsstörung auf. «In bestimmten Hirnregionen kann man sowohl bei Verliebten als auch bei Menschen mit einer Zwangsstörung erhöhte Aktivitätsmuster beobachten. Diese Bereiche sind Teil des Belohnungssystems und werden mit Gefühlen der Euphorie und Motivation verbunden», erklärt Christian Weiss. «Damit erklären sich die intensiven Gedanken und vielleicht Verhaltensweisen, die auf ein spezifisches Ziel oder eine Person gerichtet sind und von denen man einfach nicht ablassen kann.»
Obwohl die Autoren der Studie nur Verliebte im Alter von 18 bis 25 Jahren befragt hatten, ist intensives Verliebtsein keineswegs nur jungen Menschen vorbehalten. Studien haben gezeigt, dass die Gehirnaktivitäten in der frühen Phase der Verliebtheit bei jüngeren und älteren Menschen ganz ähnlich sind, so Weiss. Auch Hegmann sagt: «Sich Hals über Kopf verlieben kann man in jedem Alter.»
Wer glücklich verliebt ist, handelt zwar manchmal etwas neben der Spur, ist aber oft auch selbstbewusster, mutiger und zufriedener. Auf die Frage, ob Verliebte die netteren Menschen sind, antwortet Hegmann: «Zueinander meistens, aber nicht unbedingt zu anderen. Aber grundsätzlich lässt sich schon sagen, dass mehr verliebte und liebende Menschen diesen Planeten zu einem besseren Ort machen würden.»
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