Bundesliga in Corona-Zeiten
Gewagtes Experiment: Bundesliga setzt viel aufs Spiel
Stand 13.05.20 - 16:07 Uhr
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Die Bundesliga stellt die letzten Weichen für ihren Notbetrieb - und geht damit ins Risiko. Der erhofften Rettung von Millionen-Summen stehen Kritik am Wiederanpfiff und viele Zweifel entgegen. Der Plan für einen Saisonabbruch ist schon ausgearbeitet.
Die nächste DFL-Versammlung ist für Donnerstag terminiert. Foto: Arne Dedert/dpa
Der Plan für einen Saisonabbruch
Berlin (dpa) – Der Notfall-Neustart wird zum heikelsten Experiment der Bundesliga-Geschichte. Begleitet von beißender Kritik und vielen Zweifeln stellt die Deutsche Fußball Liga am Donnerstag die letzten Weichen für den Corona-Spielbetrieb – und auch schon für den Fall des Saisonabbruchs.
- Anzeige -Beim gewagten Wiederanpfiff der 1. und 2. Liga am Samstag steht für den deutschen Profifußball enorm viel auf dem Spiel: Millionen-Summen und sogar die wirtschaftliche Existenz einiger Clubs, aber auch der schon beschädigte Ruf der Branche und nicht zuletzt die Gesundheit der Beteiligten am Geister-Schauspiel.
Fußball-Fortsetzung auf Bewährung
Wenn am Wochenende der Ball in leeren Arenen wieder rollt und die Fans sich nicht einmal vor dem Fernseher zum Rudelgucken versammeln dürfen, gerät das Sportliche eher zur Randnotiz – auch wenn großes internationales Interesse beim Neustart der ersten Top-Sportliga weltweit gewiss ist. Es gehe schlicht um «den Fortbestand der Ligen in ihrer jetzigen Form», versicherte DFL-Chef Christian Seifert. Als Krisenmanager steuert der 51-Jährige die Bundesliga in einen «absoluten Notbetrieb», wie er dem ZDF sagte. Unermüdlich betont er: «Jedem in der Liga muss klar sein: Wir spielen auf Bewährung.»
[MD_Portal_Script ScriptID="9217250" location="leftALone"]Was passiert, wenn die Saison abgebrochen wird?
Eigentlich wollte die Bundesliga am Samstag mit gewohntem Pomp ihren letzten Spieltag zelebrieren, mit Meister-Kür und Abstiegsdrama. Stattdessen soll nun die Mitgliederversammlung am Donnerstag laut beschließen, dass bei einem Saisonabbruch aus rechtlichen Gründen der dann aktuelle Tabellenstand gewertet wird.
Damit könnte ein Meister gekrönt werden, es gäbe jeweils zwei feste Absteiger und keine Aufstockung der Ligen. «Nochmal: Dieses Szenario ist höchst unwahrscheinlich, sollte aber auch geregelt sein. Ich bin überzeugt, dass alle Clubs diesem Vorschlag zustimmen», sagte der DFL-Aufsichtsratschef Peter Peters der Deutschen Presse-Agentur.
Verhindern soll dieses Szenario das Konzept zum Sonderspielbetrieb, das die DFL jetzt auch als Anhang in die Spielordnung aufnehmen will. Die 51 Seiten mit Notmaßnahmen und Handlungsanweisungen hatten am Ende auch die Politik zur umstrittenen Freigabe für die Fortsetzung der Saison bewogen. «Ein bisschen Bauchgrummeln hat jeder dabei. Die Öffentlichkeit wird genau hinschauen», sagte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), der wohl einer der Wegbereiter für die Zustimmung von Bund und Ländern war.
- Anzeige -Es gibt auch Kritik am Fußball-Neustart
Der Beifall und die Vorfreude halten sich in Grenzen. Der Entertainer Jan Böhmermann brachte es bei Twitter auf die drastische Formel: «Fickt Eure verschissene Bundesligasaison!» Mehr als 34.000 Menschen klickten binnen weniger Stunden auf «Gefällt mir». In Umfragen sind die Befürworter eines Liga-Wiederbeginns unter den aktuellen Umständen in der Minderheit.
Der SPD-Parteivize Kevin Kühnert warnte bei Sport1 die Liga-Bosse: «Das ist kommunikativ neben den organisatorischen Fragen etwas, was nach hinten losgehen kann, und wodurch die Debatte befeuert wird, ob der Fußball in Deutschland Sonderrechte genießt.» Dass derzeit am Fußball-Stammtisch neben Politikern auch Virologen und Ökonomen das Wort führen, ist Beweis für die schmerzhafte Zwickmühle der Liga.
Holpriger Start in der Fußball-Bundesliga
«Wir wollen und werden unserer Verantwortung gerecht werden», versprach Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern. Doch das Skandal-Video von Hertha-Profi Salomon Kalou, der in der Berliner Kabine Hygiene- und Abstandsregeln kichernd missachtete, und die Coronafälle, die das gesamte Team des Zweitliga-Schlusslichts Dynamo Dresden in die Quarantäne zwangen, nährten die Bedenken. Ob Bundesliga und Unterhaus wirklich Ende Juni die Saison abschließen und dann auch Relegation und Pokalfinale wie geplant die letzten Entscheidungen bringen, bleibt fraglich.
- Anzeige -«Das Konzept steht auf tönernen Füßen», gestand Sportchef Max Eberl von Borussia Mönchengladbach. Der sportliche Wert des Restarts angesichts knapper Vorbereitung und die womöglich fehlende Chancengleichheit werden überlagert vom Wunsch nach der Rettung der ausstehenden Fernseh- und Sponsorengelder. «Wenn die Bundesliga als einzige große Liga rund um den Globus im TV übertragen wird, dann gehe ich davon aus, dass wir ein Milliardenpublikum haben werden», sagte Bayern-Chef Rummenigge der «Sport Bild».
Und Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke erklärte: «Die Bundesliga so lange ruhen zu lassen, bis wieder Zuschauer in die Stadien dürfen, wäre für die Vereine wirtschaftlich allerdings nicht durchzuhalten gewesen.» Der Boss des einzigen börsennotierten Bundesligisten schaut indes nicht allein auf die Kassenlage, sondern hofft dazu noch auf den Titelgewinn im Saisonendspurt.
Geisterspiel BVB vs. FC Schalke 04.
Vier Punkte liegt der BVB hinter dem Tabellenführer aus München, zum Auftakt des 26. Spieltags wartet der Revier-Klassiker gegen den FC Schalke 04. Es werde das «ungewöhnlichste Derby der Geschichte», sagte Dortmunds Lizenzspielerchef Sebastian Kehl der «Welt». Kein gemeinsamer Torjubel, Trainer mit Masken, Abstand halten zumindest auf der Ersatzbank – und keine «Gelbe Wand» mit 25.000 BVB-Fans.
- Anzeige -Wie wirkt sich die gespenstische Stille in den Arenen auf die Spieler aus? Was bedeuten mangelndes Teamtraining und Corona-Spielregeln mit dann wohl fünf statt drei Auswechselspielern für den Kampf um Meisterschaft, Europapokal-Plätze und Klassenverbleib? «Aus Gründen der Wettbewerbsintegrität», wie Werder-Geschäftsführer Frank Baumann sagte, hätten sich nicht nur die akut abstiegsbedrohten Bremer einen späteren Wiederanpfiff gewünscht.
Kritik an Neustart auch von Profi-Spielern
Sorgen und Kritik äußerte auch so mancher Profi. «Wir haben keinen Sitz am Tisch, wir wurden nicht konsultiert», sagte Verteidiger Neven Subotic von Union Berlin dem Deutschlandfunk. Auch die Spielergewerkschaft VDV bemängelte, die Ängste der Hauptpersonen um ihre Gesundheit und die Infektionsgefahr für Familie und Freunde seien zu wenig gehört worden.
In der vielstimmigen Debatte, die während der 65-tägigen Zwangspause loderte, musste sich die Fußball-Branche auch sonst reichlich Kritik gefallen lassen. Und die Bosse gaben sich einsichtig. «Wir müssen gewisse Exzesse versuchen, zu normalisieren», sagte Bayern-Boss Rummenigge dem «Münchner Merkur» und der «tz». Die DFL will bald eine Taskforce für die Zukunft des Gewerbes einsetzen.
Eine Gehaltsobergrenze, mehr Vernunft auf dem Transfermarkt, das Ende der Protz-Profis, ein größeres Bewusstsein für gesellschaftliche Problemfelder wie Rassismus und Gerechtigkeit, mehr Nähe und Verständnis für die Fans – ist das die Fußball-Welt nach Corona? Wie nachhaltig diese Diskussion wirklich wirkt, wird sich zeigen, wenn erst der Ball wieder rollt.
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