Coronavirus in Deutschland
RKI: Inzidenz erstmals seit Oktober unter 50
Stand 31.05.21 - 12:10 Uhr
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Die Zahl der Neuinfektionen liegt deutlich unter dem Wert der Vorwoche. Allerdings ist Vorsicht geboten: Über das lange Pfingstwochenende haben sich vermutlich weniger Menschen testen lassen.
Foto: Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa
Überblick: So sieht die aktuelle Lage in Deutschland aus
Gemessen an der bundesweiten Sieben-Tage-Inzidenz scheint die Corona-Lage in Deutschland so gut zu sein wie seit mehr als einem halben Jahr nicht mehr. Dennoch warnen Experten vor einer vierten Welle.
- Anzeige -Der politisch bedeutsame Wert liegt nach Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) vom Mittwoch nun wieder unterhalb der Schwelle von 50: bei 46,8.
Aktueller Inzidenzwert nur bedingt aussagekräftig
Allerdings ist die Aussagekraft des Wertes derzeit eingeschränkt: An Feiertagen wie Pfingstmontag suchen weniger Menschen einen Arzt auf, wodurch auch weniger Proben genommen werden und es weniger Laboruntersuchungen gibt. Daher werden weniger Neuinfektionen gemeldet. Der allgemeine Trend bei der Fallzahlentwicklung weist aber weiterhin auf ein Abflauen der dritten Welle hin.
Zwar hatte sich die Sieben-Tage-Inzidenz Mitte Februar kurzzeitig schon einmal im Bereich knapp über 50 bewegt. Doch dann kam die dritte Welle. Zuletzt unterhalb der 50er-Schwelle hatte der Wert im Herbst gelegen: mit 48,6 am 20. Oktober 2020.
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Tests: Feiertage im Mai verzögern Testergebnisse
Der Mai hat mehrere Feiertage, an denen die meisten Arztpraxen geschlossen sind. Das kann zu weniger Labortests und Verzögerungen bei Meldungen von Infektionen führen. Christi Himmelfahrt und der Brückentag danach etwa trugen – neben einer vermuteten Zunahme bei der Nutzung von Schnelltests – zu einem Rückgang der PCR-Tests um rund 160 000 im Vergleich zur Vorwoche bei. Wirken die Zahlen momentan womöglich besser als die tatsächliche Lage?
Experten verweisen auf dpa-Anfrage auf verschiedene Aspekte: Der Virologe Friedemann Weber von der Universität Gießen erwartete auch durch Pfingsten eine künstlich niedrigere Inzidenz und erinnert, dass Fälle, die nachgemeldet werden, für die Bundes-Notbremse nicht berücksichtigt werden. Der Bremer Epidemiologe Hajo Zeeb sieht einen klaren Trend und nicht nur ein «Melde-Artefakt». Der Epidemiologe Rafael Mikolajczyk vom Uniklinikum Halle geht davon aus, dass Feiertage nicht nur weniger Tests, sondern auch weniger Kontakte und somit weniger Infektionen bedeuten.
Vierte Welle: Experten warnen vor Jojo-Effekt
Nach den bisherigen Pandemie-Erfahrungen betonen Experten, man müsse aufmerksam bleiben. Sie mahnen langsame, schrittweise Öffnungen an. Die Sorge vor einem Wiederanstieg der Zahlen, einer vierten Welle noch vor dem Herbst, halte er für berechtigt, erklärte Weber. «Eine allzu frühe Entwarnung kann dazu führen, dass Corona nicht mehr ernst genommen wird und die Zahlen wieder ansteigen.» Mit einer Welle im Sinne eines exponentiellen Anstiegs rechne er aber zunächst nicht, «eher könnte es zu einem Jojo-Effekt kommen».
Insgesamt, so Weber, sei er aber optimistisch, dass die Zahlen weiter sinken. Zeeb teilt diese Einschätzung: Lokal könnten sogar Werte von unter 20 möglich sein. Mikolajczyk betonte, das hänge vom Verhalten der Gesellschaft und den Entscheidungen der Politik ab. Er macht deutlich: «Es ist bisher kein Rückgang, der sich daraus ergibt, dass die meisten Personen die Infektion hatten oder geimpft sind.»
- Anzeige -Varianten: Mutanten stehen unter besonderer Beobachtung
Breitet sich die Variante aus Indien, die noch ansteckender sein könnte als ihre Vorgänger, auch in Deutschland aus – ähnlich wie das in Großbritannien bereits geschieht? Was in den nächsten Monaten bevorsteht, lässt sich kaum vorhersagen. Die Variante steht beim RKI jedenfalls unter besonderer Beobachtung. Manche Wissenschaftler sehen bei ihr das Potenzial zum Auslösen einer neuen Welle. Zahlen aus Deutschland deuten auf eine noch recht geringe Verbreitung hin, aber das könnte sich schnell ändern. Auch weitere besorgniserregende Mutanten aus Südafrika und Brasilien könnten womöglich stärker zum Zuge kommen.
Gesundheitssystem: Ansteckung konzentriert sich auf Nicht-Geimpfte
Mehrere Experten sehen wegen Impfungen der Risikogruppen und Testangeboten einen zunehmend veränderten Zusammenhang zwischen Inzidenz und Belastung des Gesundheitssystems. Epidemiologe Zeeb gibt zu bedenken, dass sich eine Inzidenz von 50 heute im Vergleich zum Vorjahr auf eine kleinere Grundgesamtheit bezieht. Die Ansteckungen konzentrierten sich nun vor allem auf die Gruppe der bisher noch nicht Geimpften oder Genesenen. Mikolajczyk betonte: Ein schneller, fortgesetzter Anstieg der Inzidenz könnte noch immer zu einer Überlastung des Gesundheitssystems führen.
- Anzeige -Kontakte: Gesundheitsämter trotz niedriger Inzidenz weiterhin überfordert
Seit Corona-Maßnahmen in vielen Städten und Kreisen gelockert wurden und mancherorts die (Außen-) Gastronomie öffnet, treffen wieder mehr Menschen aufeinander. Das hat Folgen für die Arbeit der Gesundheitsämter. Die Inzidenz sei keine Maßeinheit für deren Leistungsfähigkeit, stellte Ute Teichert vom Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes kürzlich klar.
Seien Beschränkungen in Kraft, gebe es weniger Kontaktpersonen nachzuverfolgen. «Wenn aber alles geöffnet ist, haben die Menschen viele Kontakte, und wir kommen schon bei niedriger Inzidenz kaum mehr hinterher.» Auch Mikolajczyk betont: «Solange die Durchimpfung noch nicht 80 Prozent erreicht hat, spielt für die Kontrolle der Epidemie weiterhin die Kontakteinschränkung eine große Rolle.»
Rückgang: Das sind die Gründe
Wie ist die Entwicklung zu erklären? Sie hat laut Wissenschaftlern nicht einen, sondern mehrere Gründe. Der Mobilitätsforscher Kai Nagel von der TU Berlin erklärte, laut dem Modell seines Teams sei die Kombination vieler Elemente ausschlaggebend: stark erhöhte Impfgeschwindigkeit, wärmere Temperaturen, Schnelltests bei Schule, Arbeit und Freizeit, Immunisierung durch durchgemachte Infektionen, eine weiterhin reduzierte Öffnung der Schulen, weiterhin geschlossene Unis und ein anhaltend eingeschränktes Niveau von Aktivitäten außer Haus.
Wie Nagel anhand einer Überschlagsrechnung verdeutlicht, senkt eine Quote an Erstimpfungen von 35 Prozent die Reproduktionszahl um etwa ein Viertel. Aktuell liegt diese Quote in Deutschland bereits bei mehr als 40 Prozent. Das RKI hält zudem einen größeren unmittelbaren Effekt der Impfungen für sehr wahrscheinlich, wie eine Sprecherin auf Anfrage mitteilte: In Großbritannien sei beobachtet worden, dass viele Menschen mit einem Impftermin in der Zeit davor alles tun, um eine Infektion zu vermeiden und Kontakte entsprechend herunterfahren.
- Anzeige -Politik: So reagieren die Länder bei einer Inzidenz unter 50
In Bayern spielt diese Grenze in den Landkreisen und kreisfreien Städten eine Rolle. Bei einem stabilen Wert unter 50 entfällt bei Sportveranstaltungen, in Theatervorstellungen, Freibädern oder Fitnessstudios die Pflicht zur Vorlage eines negativen Corona-Tests. Nach den Pfingstferien Anfang Juni kommt es bei einer Inzidenz unter 50 auch in den bayerischen Schulen zu weiteren Lockerungen.
Auch in den Schulen in Mecklenburg-Vorpommern soll in Regionen mit einem solchen Inzidenzwert mehr möglich sein. In hessischen Landkreisen gilt bei einem Wert unter 50 die zweite Öffnungsstufe des Landes: Dann können sich wieder mehr Menschen im privaten Kreis treffen. Cafés und Restaurants dürfen Gäste – unter Auflagen – auch drinnen empfangen, und Schüler aller Jahrgangsstufen können zum Unterricht zurück in die Klassenräume, allerdings gibt es zweimal pro Woche Corona-Tests. Mit der zweiten Öffnungsstufe wird auch das Einkaufen einfacher.
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