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Vermutlich rechtsradikaler Attentäter

Viele Tote in Hanau, mutmaßlicher Schütze tot

Aktualisiert 24.02.2020 - 14:38 Uhr

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Ein schweres Gewaltverbrechen erschüttert Hanau. Insgesamt gibt es elf Tote, weitere Menschen werden schwer verletzt. Die Suche nach dem mutmaßlichen Täter endet erst nach Stunden. Der Fall gibt viele Rätsel auf.

Viele Tote in Hanau, mutmaßlicher Schütze tot

Mittlerweile ist auch das SEK vor Ort. Foto: Boris Roessler/dpa

Schüsse fielen in der Nacht

Hanau (dpa/charivari) – Bei mehreren Gewalttaten im hessischen Hanau sind zehn Menschen getötet worden, auch der mutmaßliche Täter ist nach Angaben der Ermittler tot. Bei dem mutmaßlichen Täter aus Hanau handelt es sich um einen 43-jährigen Deutschen aus Hanau. Er sei ebenso wie seine 72 Jahre alte Mutter tot in seiner Wohnung gefunden worden, sagte Innenminister Peter Beuth am Donnerstag im Landtag in Wiesbaden. 

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Stunden nach dem Verbrechen, an zwei unterschiedlichen Tatorten mit neun Toten, entdeckte die Polizei die Leiche des mutmaßlichen Todesschützen in seiner Wohnung in Hanau – dort fanden Spezialkräfte noch eine weitere tote Person – wie jetzt bekannt wurde, handelt es sich dabei um die Mutter des Schützen. Insgesamt kamen damit elf Menschen am Mittwochabend und in der Nacht zum Donnerstag ums Leben.

«Aktuell gibt es keine Hinweise auf weitere Täter», berichtete die Polizei am frühen Donnerstagmorgen auf Twitter. Die Bundesregierung reagierte bestürzt auf das Verbrechen. Noch in der Nacht übernahm der Generalbundesanwalt die Ermittlungen wegen der besonderen Bedeutung des Falls. 

Der mutmaßliche Täter sei zuvor nicht im Visier der Ermittler gewesen. Er sei weder als fremdenfeindlich bekannt gewesen noch polizeilich in Erscheinung getreten.

Motiv: Die Tat soll rechtsradikal motiviert gewesen sein

Der mutmaßliche Täter von Hanau hinterließ ein Bekenner-Schreiben und ein Bekenner-Video. In diesen soll sich der Schützen zu seinem Motiv äußern, enthalten sein sollen Inhalte rechtsradikaler Natur. Die genauen Hintergründe für die außergewöhnliche Gewalttat sind aber weiter unklar.

Die Polizei werte derzeit seine Homepage aus. «Erste Auswerteergebnisse der Homepage des vermeintlichen Täters deuten auf ein fremdenfeindliches Motiv hin.» 

Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) sagte am Donnerstag im Landtag in Wiesbaden «Er stuft das Verbrechen als Verdacht einer terroristischen Gewalttat ein».

München: Bayerischer Landtag sagt nach Gewaltverbrechen Faschingsfeier ab – auch am Viktualienmarkt

 Nach der Gewaltnacht mit elf Toten im hessischen Hanau hat der bayerische Landtag seine Karnevalsveranstaltung abgesagt. «Der Bayerische Landtag trauert um die Toten dieser schrecklichen Tat.

<<Wieder sind Menschen Opfer von Hass und Terror geworden», sagte Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) am Donnerstag in München.Der Angriff auf die offene Gesellschaft und ihre Werte mache fassungslos. «In Gedanken sind wir in diesen traurigen Stunden bei den Angehörigen und Freunden der Getöteten. Wir wünschen Ihnen Kraft und Beistand.»

Eigentlich wollten am «Unsinnigen Donnerstag» Faschingsnarren aus ganz Bayern im Landtag auftreten und feiern.

Auch die Faschings-Veranstaltung auf dem Münchner Viktualienmarkt wurde abgesagt. Um 14 Uhr hätte der "Unsinnige Donnerstag" starten sollen. Mehr Infos hier.

Der Täter begann seinen Todeszug am späten Mittwoch Abend

Die ersten Schüsse fielen den Ermittlern zufolge gegen 22.00 Uhr. Am Heumarkt in der Hanauer Innenstadt blicken Passanten später in der Nacht immer wieder fassungslos auf die Szenerie am abgesperrten Tatort. Nicht weit entfernt in einer Seitenstraße liegen Patronenhülsen auf dem Fußweg, auch hier ist noch unklar, was genau passiert ist.

Nur rund zwei Kilometer davon entfernt im Stadtteil Kesselstadt befindet sich ein weiterer Tatort. Dort wurden ebenfalls Schüsse abgefeuert. Eine mögliche dritte Schießerei im Stadtteil Lamboy bestätigte sich nicht. Die Polizei war aber auch dort mit einem Großaufgebot vor Ort.

Später in der Nacht kreist ein Polizeihubschrauber über Hanau. Die Informationen fließen nur spärlich. Von der Polizei heißt es nur, vom Tatort Heumarkt sei ein dunkles Fahrzeug davongefahren.

Es ist ein Verbrechen, das die beschauliche und nur wenige Kilometer östlich von Frankfurt gelegene Stadt in ihrer jüngeren Geschichte noch nicht erlebt hat. Einer der Tatorte ist eine Shisha-Bar am Heumarkt, einer Straße, die etwas am Rande der Innenstadt von Hanau mit seinen rund 100.000 Einwohnern liegt. Es ist keine schmucke Gegend, Spielhallen, Wettlokale und Döner-Imbissbuden prägen das Straßenbild – und am späten Mittwochabend auch Polizeisirenen, Blaulicht und Absperrband.

Die Polizei fordert Passanten und Schaulustige auf, den Bereich zu verlassen. Beamte mit Maschinenpistolen sichern die Umgebung ab. Menschen stehen in der Nähe der mit Flatterband abgesperrten Bereiche und weinen. In der Gegend kurven wuchtige Sportkarossen umher.

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Männer versammeln sich in mehreren Grüppchen nahe der Absperrungen. Die Stimmung pendelt zwischen Entsetzen, Sprachlosigkeit und Wut. Eine laut wehklagende Frau wird von Sanitätern in ein nahe gelegenes Hotel gebracht. Dort sitzen später im Frühstücksraum noch weitere Frauen versammelt, mit Tränen in den Augen.

Die Nachricht von den Schüssen hat sich wie ein Lauffeuer über die Sozialen Medien verbreitet. Anwohner posten mutmaßliche Videos vom Tatort, offenbar kurz nach der Tat aufgenommen.

Die Polizei Hessen wendet sich via Twitter an Zeugen

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Der zweite Tatort – ein Kiosk in Laufnähe

Der zweite Tatort ist fast in Laufnähe, mit dem Auto sind es bis dahin nur etwa fünf Minuten. Der Kurt-Schumacher-Platz liegt in einem Wohnviertel. Dort befindet sich im Erdgeschoss eines Wohnblocks eine Art Kiosk, mit der Aufschrift «24/7 Kiosk» auf der großen Glasscheibe, auf einem Reklame-Leuchtschild steht «Arena Bar & Café». Der Blick ins Innere ist versperrt, die Scheiben sind teils halbhoch mit orangefarbener Folie beklebt.

Auf dem Platz vor dem Café steht eine beschädigte Limousine, die Frontscheiben sind zum großen Teil mit Rettungsdecken abgedeckt. Später, die Spurensicherung läuft schon längst, wird ein Feuerwehrzelt, das auch als Sichtschutz dient, um das Auto herum aufgebaut.

Auch hier hat die Polizei die Gegend weiträumig gesichert, ein schwer bewaffneter Beamter steht dabei. Immer wieder fahren Einsatzwagen der Polizei zum Tatort, auch Krankenwagen fahren durch. Während tief in der Nacht unten auf dem Parkplatz die Spurensicherung läuft, sind manche Fenster in dem neunstöckigen Gebäude noch erleuchtet. Hier und da flimmert ein Fernseher.

Nur wenige Menschen sind hier in der Nacht noch unterwegs, einige kommen aber bis an das Absperrband der Polizei. Sie seien Freunde oder Angehörige von den Opfern, berichten sie. Unter ihnen ist auch ein 24-Jähriger, der nach eigenen Angaben der Sohn des Kioskbesitzers ist. Er sei bei der Tat nicht vor Ort gewesen, sein Vater auch nicht, wie er erst später erfahren habe. Als er von den Schüssen gehört habe, sei er sofort hergekommen.

«Ich habe erstmal einen Schock bekommen.» Die Opfer seien Leute, «die wir jahrelang kennen». Es seien zwei Mitarbeiter und eine Person, die er schon von klein auf kenne. Wer verübt solch ein Verbrechen? Der 24-Jährige ist ratlos: «Wir kennen sowas nicht, wir sind auch nicht mit Leuten zerstritten. Wir können es uns gar nicht vorstellen. Es war ein Schock für alle.»

Politiker äußern sich zur Bluttat

«Die Gedanken sind heute Morgen bei den Menschen in #Hanau, in deren Mitte ein entsetzliches Verbrechen begangen wurde», schrieb Regierungssprecher Steffen Seibert am Donnerstagmorgen auf Twitter. «Tiefe Anteilnahme gilt den betroffenen Familien, die um ihre Toten trauern», fügte er hinzu. Seibert äußerte die Hoffnung, dass die Verletzten bald wieder gesund werden.

Auch der Hanauer Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) zeigt sich in einer Sondersendung von «Bild live» erschüttert über die Gewalttaten. «Das war ein furchtbarer Abend, der wird uns sicherlich noch lange, lange beschäftigen und in trauriger Erinnerung bleiben.»

Die Hanauer Bundestagsabgeordnete Katja Leikert (CDU) sagte der Deutschen Presse-Agentur: «Ich bin erschüttert darüber, was passiert ist.» Auf Twitter schrieb sie: «In dieser fürchterlichen Nacht in Hanau wünsche ich den Angehörigen der Getöteten viel Kraft und herzliches Beileid.» Und: «Den Verletzten eine hoffentlich schnelle Genesung. Es ist ein echtes Horrorszenario für uns alle. Danke an alle Einsatzkräfte!!»

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