Steigende Preise
Inflation bei über 3 Prozent: Experten modellieren, wie lange Preise weiter steigen
Stand 19.01.22 - 14:08 Uhr
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Ein inflationsbedingter Preisschub belastet die Budgets der Verbraucher in Deutschland. Vor allem höhere Energiekosten heizen die Inflation an. Eine schnelle Entspannung scheint nicht in Sicht.
Lebensmittel liegen in einem Einkaufswagen. Foto: Fabian Sommer/dpa
Höchste Inflationsrate seit 30 Jahren in Deutschland
Wiesbaden (dpa) – Nach einem Sprung der Inflation auf den höchsten Stand seit fast 30 Jahren können die Menschen in Deutschland Experten zufolge zunächst nicht auf eine rasche Entspannung hoffen.
Im Schnitt des vergangenen Jahres erhöhten sich die Verbraucherpreise um 3,1 Prozent. Das Statistische Bundesamt bestätigte am Mittwoch eine erste Schätzung. Ein stärkerer Anstieg der Jahresteuerung war zuletzt 1993 mit 4,5 Prozent gemessen worden. Im Corona-Krisenjahr 2020 waren es 0,5 Prozent. Viele Ökonomen rechnen angesichts von Lieferengpässen und vergleichsweise hohen Energiepreisen auch in diesem Jahr im Schnitt mit einer 3 vor dem Komma.
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Inflation in Deutschland: Der finanzielle Spielraum schrumpft
Eine höhere Inflation schwächt die Kaufkraft von Verbrauchern, weil sie sich für einen Euro dann weniger kaufen können als zuvor. Auch an mickrig verzinsten Ersparnissen nagt eine höhere Teuerung. Jeder neunte Deutsche kann nach eigenen Angaben kaum noch seine Lebenshaltungskosten bezahlen, wie eine YouGov-Befragung im Auftrag der Postbank ergab. «Da sich Lebensmittel, Energie und Kraftstoffe erheblich verteuert haben, die Einkommen mit der Preisentwicklung aber nicht Schritt halten können, schrumpft der finanzielle Spielraum», erläuterte Postbank-Chefvolkswirt Marco Bargel.
Im Dezember stiegen die Verbraucherpreise dem Bundesamt zufolge zum Vorjahresmonat um 5,3 Prozent. Die monatlich gemessene Inflationsrate erreichte damit den höchsten Stand des vergangenen Jahres. «Damit dürfte der Höhepunkt der deutschen Inflation nun überschritten sein», meinte Sebastian Dullien, wissenschaftlicher Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung. Gegenüber dem Vormonat legten die Preise um 0,5 Prozent zu.
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Die Inflation wird nur langsam zurückgehen
Angeheizt wurde die Teuerung in Europas größter Volkswirtschaft vor allem von rasant gestiegenen Energiepreisen im Zuge der weltweiten Konjunkturerholung nach der Corona-Krise 2020. Energieprodukte verteuerten sich gegenüber dem Vorjahr im Schnitt um 10,4 Prozent, nach einem Rückgang um 4,8 Prozent im Jahr 2020. Vor allem für Heizöl (41,8 Prozent) und Kraftstoffe (22,6 Prozent) mussten Verbraucher tiefer in die Tasche greifen.
Hinzu kamen die Rücknahme der vorübergehenden Mehrwertsteuersenkung, Lieferengpässe sowie die Einführung der CO2-Abgabe Anfang 2021 von 25 Euro je Tonne Kohlendioxid, das beim Verbrennen von Diesel, Benzin, Heizöl und Erdgas entsteht.
Auch wenn der Mehrwertsteuereffekt in diesem Jahr entfällt, erwarten viele Ökonomen zunächst keine rasche Entspannung. Sie verweisen unter anderem auf Lieferengpässe, die Herstellungskosten erhöhen. Auch zeigte die Preiskurve beim Erdöl zuletzt steil nach oben.
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Inflationsrate wird wohl eine Weile erhöht bleiben
«Die Inflation wird im Verlauf dieses Jahres nur langsam zurückgehen», sagte Ifo-Konjunkturexperte Timo Wollmershäuser. Die Unternehmen geben dem Wirtschaftsforschungsinstitut zufolge die gestiegenen Kosten für Energie sowie bei der Beschaffung von Vorprodukten und Handelswaren weiter. Selbst wenn sich der Anstieg der Energiepreise in den kommenden Monaten nicht fortsetzen sollte, sorge das noch eine Weile für hohe Inflationsraten. Anzeichen für eine gefährliche Spirale aus steigenden Preisen und steigenden Löhnen sieht Wollmershäuser bislang dagegen nicht.
Der neue Bundesbank-Präsident Joachim Nagel sieht die gestiegenen Teuerungsraten mit Sorge. Er sehe «derzeit eher die Gefahr, dass die Inflationsrate länger erhöht bleiben könnte als gegenwärtig erwartet», sagte Nagel jüngst. «Bei aller Unsicherheit ist eines ganz klar: Wenn es die Preisstabilität erfordert, muss der EZB-Rat handeln und seinen geldpolitischen Kurs anpassen.» Nagel ist Mitglied in dem obersten Entscheidungsgremium der Europäischen Zentralbank.
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Eine Zinserhöhung ist im Euroraum nicht in Sicht
Die Inflation ist ein wichtiger Gradmesser für die Geldpolitik der europäischen Währungshüter. Die Notenbank strebt eine jährliche Teuerungsrate von 2 Prozent an und ist zumindest zeitweise bereit, ein moderates Über- oder Unterschreiten zu akzeptieren. Kritiker werfen der EZB vor, mit ihrer ultralockeren Geldpolitik die Teuerung anzuheizen, die sie eigentlich im Zaum halten will.
Eine Zinserhöhung ist im Euroraum anders als in den USA nicht in Sicht. EZB-Direktorin Isabel Schnabel warnte jüngst vor schnellen Erhöhungen. In den Prognosen sinke die Inflation mittelfristig sogar unter 2 Prozent, sagte die Volkswirtin jüngst der «Süddeutschen Zeitung». «Darum dürfen wir die Zinsen nicht zu früh erhöhen. Denn das könnte dazu führen, dass der Aufschwung abgewürgt wird.» Die Währungshüter würden aber schnell und entschlossen reagieren, wenn sie zum Schluss kämen, dass sich die Inflation doch oberhalb der 2 Prozent festsetzen könnte.
Die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer sieht die EZB nicht unter Zugzwang, ihre Nullzins-Politik zu beenden. «Mittelfristig geht man nicht davon aus, dass die Preise weiter steigen werden. Das hängt ganz stark von den Löhnen ab. Wie werden die Lohnsteigerungen sein? Und da sehen wir bisher eine ganz moderate Entwicklung», sagte Schnitzer im Bayerischen Rundfunk.
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